Digitale Bildung

Digitale Bildung – am besten schon am Wickeltisch!

Dieser Blogpost wurde im Zuge der Blogparade #Digitalisierung: Was passiert da gerade eigentlich? verfasst, ausgerufen vom Otto Group Corporate Blog „unterwegs“.

Ich bin älter als das Internet. Als ich klein war – das war in den 1980er-Jahren – gab es keine Smartphones, kein WhatsApp, keine Bluetooth-Übertragungstechnik. Wenn das Telefon kaputt war, sagte meine Mutter stets: „Keine Sorge, der Mann von der Post kommt schon morgen!“. Und er kam. In abgewetzter Montur und einem grauen Koffer, einer Art tragbarer Werkstatt. Wenn wir unsere Verwandten in Frankreich besucht haben, saß ich mit meiner älteren Schwester stundenlang vor dem „Minitel“, einer Mischung aus BTX und Internet, mit der man immerhin schon Geld transferieren oder Zugtickets für den TGV kaufen konnte. Wie nahezu jedes Kind meiner Generation besaß ich einen „Speak and Spell“-Sprachcomputer von Texas Instruments, später ergänzten noch diverse Nintendo-Spielekonsolen mein digitales Spielzeug-Portfolio. 1997 hielt schließlich der Desktop-PC bei uns zuhause Einzug – natürlich mit einem 56K-Modem. Kurzum: Die Welt wurde in verträglichen Dosen digitaler, man wuchs sukzessiv hinein.

Heute digitalisieren sich Prozesse in Lichtgeschwindigkeit. Von der Pizza-Bestellung bis zum Taxiruf, vom Abschluss einer Rechtsschutzversicherung bis zum selbstfahrenden Auto – um nur ein paar Beispiele zu nennen. Befeuert durch einen enormen Wettbewerbsdruck, entstehen in immer kürzerer Zeit immer neuere digitale Geschäftsmodelle, die mitunter ganze Industrien auf den Kopf stellen. Und doch stehen wir immer noch ganz am Anfang der Digitalisierung. Gut 15 Jahre ist es her, da gab es noch kein flächendeckendes DSL-Netz. Heute können wir gefühlt ohne Hochgeschwingkeitsinternet nicht mehr leben. Gerade mal fünf Jahre ist es her, dass Big Data zum gängigen Begriff wurde. Heute ist der Data Scientist der Sexiest Job im 21. Jahrhundert. Doch was sind schon fünf oder 15 Jahre? Nicht mehr als ein Wimpernschlag der Geschichte!

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Bei Kindern und Jugendlichen zeigt sich die Digitalisierung von ihrer Schattenseite

Auf den Schultern der künftigen Generationen lastet bereits heute ein enormer Druck. Internet of Things, künstliche Intelligenz oder Cloud Computing sind keine Worthülsen, sondern pure Realität. Vielleicht noch nicht flächendeckend; doch schon in naher Zukunft werden diese Dinge wesentlicher Bestandteil unseres Lebens sein. Zugleich gibt es im schulischen Bereich keine nachhaltigen Ansätze, um Kindern ein Mindestmaß an digitaler Kompetenz zu vermitteln. In seinem Blog Bildungslücken.net beschreibt Berufslehrer Dominik Schöneberg, woran es hakt:

„Damit Schüler eine tragfähige digitale Bildung genießen können, müssen sie das Glück haben in einer Kommune zu leben, die sich gute Hardware und IT-Support leisten kann. Sie müssen zu einer Schule gehen, in der die Schulleitung und das Kollegium Medienbildung einen wichtigen Stellenwert einräumt und gemeinsam tragfähige Konzepte entwickelt und diese auch umsetzt. Und nicht zuletzt müssen sie bei Lehrern lernen, die sich Innovationen öffnen und die Zeit haben, ihren Unterricht an eine neue Medienrealität anzupassen. Angesichts dieser Voraussetzungen wird es wohl trotz der angekündigten Investitionen auch künftig dabei bleiben: Medienbildung in Deutschland ist Glückssache.“

Schüler in Deutschland sind mehr denn je auf IT-geschultes Lehrerpersonal angewiesen, denn gegenwärtig steht Informatik in gerade mal neun Bundesländern als Pflichtfach auf dem Lehrplan (und Informatik deckt nur einen Teil der digitalen Bildung ab!). Noch mauer sieht es bei den Grundschulen aus: Dort ist die Vermittlung von IT-Grundkenntnissen grundsätzlich nicht vorgesehen. Freilich gibt es Computerräume an Schulen, doch muss klar unterschieden werden, dass IT-gestütztes Lernen und Informatik zwei Paar Schuhe sind. So schön es ist, die binomischen Formeln mit einem Tablet zu lernen: Dann kann der Schüler das Gerät zwar bedienen, aber die Logik dahinter offenbart sich ihm nicht. Genau DAS muss m.E. aber so früh wie möglich vermittelt werden. Kinder und Jugendliche müssen JETZT mit dem nötigen Rüstzeug versorgt werden, um später in einer volldigitalisierten Welt zurechtzukommen.

Bezugnehmend auf die Frage „Digitalisierung: Was passiert da gerade eigentlich?“ ist die ehrliche Antwort daher: Im Bildungsbereich leider zu wenig! Auf der anderen Seite gibt es tolle Initiativen wie App Camps oder Jugend hackt, die auf spielerische Weise Grundlagenkenntnisse vermitteln. Man kann nur hoffen, dass diese Modelle (im wahrsten Sinne des Wortes) Schule machen und auf viele offene Ohren an den entscheidenden Stellen treffen. Bis dahin müssen Eltern vermehrt Verantwortung übernehmen und ihrem Nachwuchs die nötigen Grundlagen vermitteln. Ich persönlich bin eine große Befürworterin von Coding Camps oder offenen Workshops, wo es in erster Linie ums Ausprobieren geht. Erst kürzlich war ich mit meinem siebenjährigen Sohn bei einem solchen Event, das eigentlich erst ab 14 Jahren vorgesehen war. Trotzdem konnte er mithalten und wertvolle Erfahrungen mit nach Hause nehmen. Das wichtigste aber – er hatte Spaß! Damit wird einmal mehr deutlich: Es ist nie zu früh, Kinder an die digitale Welt heranzuführen. Im Idealfall (und bewusst etwas überspitzt formuliert) beginnt dies schon am Wickeltisch.

Artikelbild: Pexels.com/Ady Satria Herzegovina

Ein Kommentar

  1. Vielen Dank für den tollen Artikel! Er hat mich etwas an meine eigene Kindheit erinnert, ab und zu denke ich mit Wehmut an die alten Zeiten zurück. Dennoch ist die neue digitale Welt meistens ein Segen für uns alle. Ich finde es auch sehr schade, dass im Bildungsbereich momentan noch zu wenig auf das Thema eingegangen wird.

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